Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft
Swetlana Alexijewitsch wurde 2015 der Literaturnobelpreis zuerkannt – als höchste unter einer Vielzahl von Ehrungen und Auszeichnungen. Die 1948 geborene Weißrussin hatte seit Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (1985) über Frauen im Zweiten Weltkrieg eine Methode perfektioniert, Zeitgeschichte mittels Collagen aus individuellen Stimmen erfahrbar zu machen. Ihre zutiefst menschlichen Wahrhaftigkeiten entreißen die traumatischen Geschehnisse der kalten Anonymität der Berichterstattung, der beschönigenden Nüchternheit der Zahlen, der Seelenlosigkeit des technischen Rapports – und werden als emotionale Anklagen an den Staatsapparat, der derlei Grausamkeiten zulässt oder sogar verantwortet, zum Politikum.
Das erste Buch der Trilogie konfrontiert uns mit fünf Schicksalen: jenes von Wassili Ignatenko, der unmittelbar nach der Explosion als Feuerwehrmann zum Einsatz kam. Sein elendes Zugrundegehen wird aus der Sicht seiner Frau Ljudmila erzählt. Im zweiten Kapitel geht es um die „Evakuierten aus Prypiat“, die zuerst von nah und fern herbeigeeilt waren, um den strahlenden, in hellem Himbeerrot glühenden Nachthimmel zu bestaunen – nur um am nächsten Tag ihr Zuhause zu verlieren und mit ihm ihr ganzes Leben. Denn fortan waren sie die „Leute aus Tschernobyl“, Angestarrte, Ausgestoßene, Kranke, lebende Tote. Auf die man sich nicht einließ, wie im Kapitel „Der Soldatenchor“ noch einmal schmerzlich deutlich wird. Reservisten werden abkommandiert, um spatentief den Boden rund um den Reaktor abzuheben und die Bäume zu fällen. Nach dem Einsatz ist Platz für Romantik – bis zu einem gewissen Punkt. „Na, wie wär’s mit uns?“ „Ha, ha, ha! Sag mal … kannst du es überhaupt? Kriegst du noch einen hoch? Du warst in Tschernobyl. Glaubst du ernsthaft, mit dir würde eine was anfangen?“ Und dann die Geschichte der kleinen Katjuscha, die mit sieben starb … und der von Katenka, dem einzigen weißrussischen Tschernobyl-Baby, das überlebte, obwohl es ohne Anal- oder Vaginalöffnung und mit nur einer Niere auf die Welt kam. Immer im Hintergrund: vertuschende Behörden, verlogene Obrigkeit, Unterdrückung der Wahrheit.
Hochpräzise Strichzeichnungen und eine klare Bildsprache, journalistische Genauigkeit und emotionale Nähe zu den Betroffenen: Die Übertragung der bewegenden Chronik in ein neues Medium gerät fugenlos und eröffnet einer jungen Generation einen neuen Zugang zu diesen historischen Geschehnissen.
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